spacer


Ziel

Die interkulturelle Öffnung von Einrichtungen der Jugendhilfe und psychosozialen Versorgung ist seit Jahren eine sozialpolitische Forderung, die noch nicht hinreichend in die Praxis umgesetzt wurde. In den Erziehungsberatungsstellen sind Migrationsfamilien vielerorts noch immer unzureichend repräsentiert, obwohl ihr Beratungsbedarf gleichermaßen hoch ist wie bei der einheimischen Bevölkerung (Schepker/Toker 2008).
Die Zahl an interkulturellen Fragestellungen interessierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Erziehungsberatungsstellen hat sich zwar in den letzten Jahren deutlich erhöht. Es zeigt sich jedoch, dass die Einbeziehung und effiziente Beratung von Ratsuchenden mit Migrationshintergrund da am besten gelingt, wo die interkulturelle Ausrichtung als Querschnittsaufgabe eines ganzen Teams betrachtet wird und zugleich in der Konzeption des Trägers und der Beratungsstelle Berücksichtigung findet.


Inhalt und Aufbau

Die Durchführung der Fortbildung in drei Blöcken mit mehrmonatigem Abstand ermöglicht das gezielte Bearbeiten wichtiger Aufgabenstellungen zur Verbesserung der interkulturellen Kompetenz der Beratungseinrichtung in den dazwischenliegenden Zeiten und die gemeinsame Bewertung der erzielten Veränderungen in den Blöcken 2 und 3.
In jedem der drei Blöcke wird Raum gegeben für eine eingehende Selbstreflexion und aktuelle Standortbestimmung jedes einzelnen Teammitgliedes (einschließlich Sekretärin) im Prozess der interkulturellen Ausrichtung. Diese kann erfolgreich realisiert werden, wenn sie sowohl vom EB-Team gewollt und gefördert, als auch vom Träger als notwendig anerkannt und unterstützt wird.
Nach einem sensibilisierenden Einstieg in die Thematik und der Konkretisierung möglicher praktikabler Zugangswege erfolgt die Hinwendung zu einer differenzierenden Betrachtungsweise und einer für den Kontakt mit der Migrationsklientel förderlichen Haltung (Interkulturelle Kompetenz), Begleitung bei der interkulturellen Fallarbeit sowie Auswertung, Zielabgleich und Nachbesserung der bisherigen Entwicklungsschritte wie auch die Festlegung der weiteren Etappen bei der konzeptionellen und praktischen Implementierung der interkulturellen Ausrichtung der Beratungsstelle.
Nach erfolgreicher Beendigung der Inhouse-Fortbildung wird der Beratungsstelle durch die bke ein entsprechendes Zertifikat für besondere interkulturelle Kompetenz vergeben.

Block 1:
Das Team der Beratungsstelle sollte vor Beginn des ersten Blocks der Fortbildung die „Checkliste zur interkulturellen Ausrichtung der Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche“ (Informationen für Erziehungsberatungsstellen 3/05) bearbeitet und dem Fortbilderteam zugestellt haben.

Themen und Fragestellungen dieses Blocks:Teil 1
• Welche interkulturellen Kompetenzen im Team sind bereits vorhanden?Wie nehmen Migrationsfamilien die Beratungsmöglichkeiten wahr?
• Welche impliziten oder expliziten Zugangsschwellen bestehen für Migrationsklientel? Wege der Veränderung.
• Gibt es Kenntnisse über oder Vernetzung mit Institutionen, die für Migrationsfamilien von besonderer Bedeutung sind (Selbstorganisationen, religiöse Gemeinden oder Kultureinrichtungen, Konsulate,Ausländerbehörde etc.)?
• Gibt es für einen interkulturellen Arbeitsschwerpunkt der Beratungsstelle einen Auftrag seitens des Trägers bzw. des öffentlichen Jugendhilfeträgers? Wie kann dieser hergestellt oder definiert werden?Wie kann diese Querschnittsaufgabe in der Konzeption der Beratungsstelle verankert werden? (Zu diesem Punkt könnte die Mitarbeit eines Trägervertreters sinnvoll sein.)
• Wie können potenzielle Ratsuchende von der interkulturellen, kultursensiblen Ausrichtung der Beratungsstelle Kenntnis bekommen?
Teil 2
Selbsterfahrung: Wie erleben die Teammitglieder eigene Fremdheitsgefühle, wie gehen sie damit um? Eigene Migrationserfahrungen. Eigene Werthaltungen und Vorurteile.
Brainstorming: Abbau der Sprachbarriere, Beschaffen von Übersetzungshilfen.
Aufgabenverteilung für die Bearbeitung bis zum nächsten Block: Erkunden des institutionellen Umfelds der Migrationsfamilien, sozialräumliche Analyse der Migrationsbevölkerung, Sammeln von Ideen zur Veränderung der Arbeitsabläufe in der Beratungsstelle mit dem Ziel einer niedrigeren Zugangsschwelle.


Block 2:
Teil 1
• Auswertung der bis zu diesem Zeitpunkt gesammelten Daten und gewonnenen Erfahrungen. Übersicht über Veränderungsprozesse in der Beratungsstelle und mögliche erste Auswirkungen auf die Migrationsklientel. Wie steht es mit der Konzeption?
• Inhaltliche Gestaltung der Arbeit mit Migrationsfamilien: Anregungen für die Gestaltung der Beratungsstelle, atmosphärische Details,sinnvolle Rituale, Migrationsfamilien willkommen heißen.
• Besondere Arbeits- und Hilfsmittel, kulturspezifische Informationen und kritische Würdigung ihrer Bedeutung für die Beratungspraxis.
• Sprachliche Kommunikation: Ideen und Regeln für das Arbeiten in deutscher Sprache, Einsatz muttersprachlicher Beratungskompetenzen,Arbeiten mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern.
• Differenzierte Betrachtung der unterschiedlichen kulturellen, sozialen und integrationsrelevanten Milieus der Migranten.
Teil 2
Selbsterfahrung: Überwinden von Fremdheit durch Kommunikation,Wahrnehmen und Akzeptieren von Verschiedenheit, Sinn und Grenzen der Ambiguitätstoleranz.
Interkulturelles Fallverstehen: Einführung ins „Kunze-Modell“, Fallbearbeitung nach dem Modell.
Aufgabenverteilung für die Bearbeitung bis zum letzten Block.


Block 3:
Teil 1
• Auswertung der bearbeiteten Aufgaben. Übersicht über Veränderungsprozesse in der Beratungsstelle. Hat sich der Zugang von Migrationsklientel verändert? Welche Erfahrungen in der Beratung von Migrationsfamilien wurden gesammelt?
Wie steht es mit der Konzeption?
Teil 2
Selbsterfahrung: Notwendige Veränderungen in den eigenen Sichtweisen von Nähe und Distanz. Was tun, wenn Verständigungsprozesse und Empathie an ihre Grenzen gelangen? Welche Möglichkeiten und Grenzen haben die einzelnen Teammitglieder? Wie wirkt sich die interkulturelle Ausrichtung auf die Teamprozesse aus, wie auf die Situation im Sekretariat?
Fallbearbeitungen nach dem „Kunze-Modell“, Erfahrungen mit dem Modell im Alltag der Beratungsstelle. Widerstände und Veränderungswünsche inder interkulturellen Fallbearbeitung.
Kritische Abklärung: Unterstützen Träger und öffentliche Jugendhilfe hinreichend die interkulturelle Neuorientierung der Erziehungsberatungsstelle? Wie können besondere Sprach- und interkulturelle Kompetenzen bei der Personalplanung angemessen berücksichtigt werden?
Wurde die Neuorientierung wirkungsvoll in die Öffentlichkeit und zu den Kooperationspartnern getragen? Wie wurden Migrationsfamilien auf das veränderte Angebot der Beratungsstelle aufmerksam gemacht?
Welche Aufgaben müssen kurz- und mittelfristig noch bearbeitet werden,um nachhaltig die interkulturelle Öffnung der Beratungsstelle zusichern. Festlegung der Ziele und der Wege der Zielerreichung sowie einer zeitlichen Definition der Umsetzung.
Planungen für eine Evaluation der Ergebnisse der veränderten Praxis der Beratungsstelle. Was nützt sie der Klientel ohne Migrationserfahrung?
Abschließende Bewertung des Curriculums und seiner Wirksamkeit hinsichtlich einer interkulturellen Öffnung der Stelle und der Veränderung der Beratungsabläufe und ihrer Bewertungen im Team.

Kursleitung
Sibel Koray, Diplom-Psychologin, Jugendpsychologisches Institut, Essen.
Paul Friese, Diplom-Psychologe, Erziehungs- und Familienberatungsstelle im Internationalen Familienzentrum e.V., Frankfurt am Main.

Zielgruppe
Komplette Teams von Erziehungsberatungsstellen, die sich der Arbeit mit Migrationsfamilien öffnen, interkulturelle Kompetenzen stärken und kultursensible Beratungsarbeit aufbauen oder intensivieren möchten. Die Fortbildung findet mit einem Team statt, bei Teamverbünden (z.B. Haupt-und Nebenstelle oder Regionalteams eines Trägers) Zusammensetzung nach Rücksprache.

Kursorganisation
Die Kursgebühr versteht sich zuzüglich der Fahrt-, Übernachtungs- und Verpflegungskosten der Kursleitung.